Vom Einheitsgrün zur „Bunten Wiese“

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Wiesen gehören zu den artenreichsten Ökosystemen in Mitteleuropa. In unseren Dörfern und Städten sind sie allerdings die Ausnahme, dort finden wir vor allem ökologisch totes Grün. Der Biologe Oliver Betz will das ändern. 2010 startet er die Hochschul-Initiative „Bunte Wiese Tübingen“, die dem Einheitsrasen um uns herum neues Leben einhauchen will.

Kurzgeschoren

Schon im März fing es an. Oliver Betz hörte das dumpfe Brummen und wusste: Sie sind wieder da. Regelmäßig zogen die Gärtner mit den Aufsitzrasenmähern ihre Schleifen, verwandelten die Grünfläche unter seinem Bürofenster in etwas Kurzgeschorenes. Und sobald sich die kleinste Blüte zeigte, ging es wieder los. Bis Oliver Betz, Insektenforscher und Evolutionsbiologe an der Uni Tübingen, eines Tages zum Telefonhörer griff.

Am anderen Ende: Michael Koltzenburg aus dem Fachbereich Botanik. Dem erzählte der Forscher von seiner Idee, aus den kahlen Flächen rund um den Tübinger Uni-Campus artenreiche Wiesen zu machen. Pflanzenkenner Koltzenburg war begeistert und schlug vor, die Flächen der gesamten Stadt mit einzubeziehen. Und so entstand 2010 die Hochschul-Initiative Bunte Wiese Tübingen, die dem grünen Einheitsrasen Paroli bieten will.

Zum Start erst mal nichts tun

Seitdem zieht die Idee weite Kreise: In Landau, Stuttgart, Würzburg und in einigen weiteren Städten haben sich Bunte-Wiese-Partnerinitiativen gebildet, etliche Bachelor- und Masterarbeiten sind entstanden, Wiesenpatenschaften gibt es und die Initiative Bunte Wiese Tübingen wurde mit mehreren Umweltpreisen ausgezeichnet.

Es ist Juni, als mir Oliver Betz die Wiese zeigt, mit der alles begann: „Damals haben wir gesagt: Wir machen erst mal nichts. Denn aus dem Samen, der sowieso schon in der Erde ist oder von außen angeflogen kommt, wächst ja auch etwas.“ Der Biologe wollte die Fläche nicht roden, sondern mit den vorhanden Tier- und Pflanzengemeinschaften starten, denn die hatten sich bereits an das lokale Kleinklima angepasst. Allerdings gab zu viele Gräser und zu wenig Nektar- und Pollen-Nahrung für Insekten. Darum starteten Oliver Betz und Michael Koltzenburg mit einem Trick.

Parasiten als Helfer

„Sehen sie den Klappertopf?“ Der Biologe zeigt auf eine Pflanze mit zitronengelben Blüten, die an manchen Stellen geballt zwischen den Gräsern wächst. Sie ist verwandt mit Pflanzen, die ähnlich poetische Namen tragen: Läusekraut, Wachtelweizen, Augen- oder Zahntrost etwa. Der Große Klappertopf war Blume des Jahres 2005, in Süddeutschland ist er selten geworden. Als Halbparasit zapft er die Gräser in seiner Nachbarschaft an und saugt ihnen Nährstoffe aus dem Saft. Will man mehr Blühendes im Garten, braucht man ein paar Klappertopfsamen, die man großzügig über die Rasenfläche streut – und ein klein wenig Geduld. „Es hat ein paar Jahre gedauert, aber mit dem Klappertopf haben wir das Gras zurückgedrängt.“

Wir gehen weiter, vorbei am „Akzeptanzstreifen“, den Oliver Betz auch gerne „Gute-Laune-Streifen“ nennt. Er entsteht, wenn man einen äußeren, etwa einen Meter breiten Rand der Wiese regelmäßig stoppelkurz mäht. „Der hat sich insbesondere bei kommunalen Flächen sehr bewährt“ sagt Oliver Betz. „Weil er den Bürgersteig von den Bunte-Wiese-Flächen visuell abtrennt, kann er Vorbeiflanierenden zeigen: Seht her, auch wenn es dahinter wild aussieht – wir haben uns was dabei gedacht. Wenn wir das nicht machen, hagelt es garantiert Beschwerdeanrufe.“

Klappertöpfe saugen an den Wurzeln benachbarter Gräser und schwächen diese. Foto: Nicola Wettmarshausen, CC-BY-C 0

Die Wiese – ein kühlendes Haus

Wir gehen vorsichtig in die Wiesenfläche hinein und schauen, was momentan gerade wächst. Dabei sind Gräser ebenso elementar wie Blühpflanzen, denn eine Wiese ohne Gräser sei keine Wiese, sagt der Biologe. „Hier der Glatthafer – die Gräser bilden das oberste Stockwerk. In der Mitte sind die ganzen Blühpflanzen. Und wenn ich hier zwischen die Pflanzen gucke, gibt es am Boden kriechende Arten und sogar Moos. Das ist das kühle Erdgeschoß, hier hält sich die Feuchtigkeit auch im Hochsommer sehr gut. Eine Wiese ist wie ein Haus, das aus mehreren Stockwerken besteht.“

Im Sommer – wenn es heiß ist – verdunsten Insekten viel Wasser. Sie setzen sich dann ins Feuchte und nehmen den Wasserdampf aus der Umgebung auf. Haben sie genug Wasser getankt, krabbeln oder fliegen sie nach oben auf die sonnigen, warmen Gräserspitzen und Blüten, um sich zu trocknen. Wenn es ihnen nach einer Weile dann zu trocken wird, gehen sie ein Stockwerk tiefer. So bewegen sie sich im Wiesengebäude zwischen kühlen und heißen Zonen, trockenen und feuchten Arealen, und Plätzen mit Licht und Schatten hin und her. Insekten, die im Offenland leben, sind auf solche Strukturen angewiesen: Nur so können sie ihre Körpertemperatur regulieren. „Wenn wir alles heruntermähen, gibt es diese Struktur nicht mehr und das untere Stockwerk trocknet aus. Da gibt es für Insekten keine Möglichkeit zu überleben.“

Oliver Betz prüft die Artenvielfalt einer „Bunten Wiese“ am Campus Morgenstelle/Uni Tübingen. Foto: Nicola Wettmarshausen, CC-BY-ND-NC

Den Winter überstehen

Auch außerhalb der heißen Jahreszeit ist die Wiese ein wichtiger Lebensraum: „Viele Insekten überwintern in den Gräsern“ sagt Oliver Betz. „Wenn wir an die Stelle schauen, wo beim Grasstängel das Blatt ansetzt, finden wir dort Eier von Faltern. Selbst ein trockener Grashalm ist eine wichtige Überwinterungsstruktur für die Tiere. Andere Insekten oder Eier sitzen in hohlen Pflanzenstengeln oder trockenen Blütenköpfen.“ Der Schwalbenschwanz macht es so: seine Schmetterlingspuppe heftet sich an den Stängel der Wilden Möhre, einer häufigen Wiesenpflanze, und überwintert dort.

Aber irgendwann muss man doch auch mal mähen? Oliver Betz hat einen Tipp: Wer vor dem Winter seine Gartenstauden entfernen möchte, kann sie schneiden und entweder locker auf den Kompost legen oder senkrecht in einen Eimer stellen, damit die Larven im nächsten Frühling schlüpfen können. Außerdem sollte man auf der eigenen Rasenfläche immer zehn Prozent der Fläche ungemäht lassen, als Rückzugsort für die Tiere.

Nicht nur die Insekten leiden, auch die Pflanzenvielfalt wird durch das Mähen dezimiert: Etwa 400 Wiesenpflanzenarten gibt es in Mitteleuropa, davon sind nur zehn Prozent so tolerant, dass sie einen intensiven Schnitt vertragen können. Regelmäßiges Mähen schränkt also das Artenspektrum ein und gefährdet die davon abhängenden Tierarten. „Das sieht man ja ganz deutlich an den englischen Rasen, da wächst ja eigentlich gar nix mehr. Vielleicht noch das Gänseblümchen, aber selbst das wird oft nicht geduldet. Das hat nichts mit Naturflächen zu tun.“ Im Vergleich dazu ist die Bunte Wiese, in der wir stehen, optimal: Gerade blühen Zaun-Wicke und Wiesen-Platterbse, Rotklee und Labkraut. Ein Falter flattert vorbei. „Ha, das war ein Großes Ochsenauge!“

Von einer einzigen Pflanze gehen ganze Netzwerke aus

Eine Bunte Wiese entsteht nicht auf die Schnelle. Man braucht Geduld und muss beobachten, was wächst. Können Blühwiesensamen aus dem Baumarkt den Prozess etwas beschleunigen? „Das würde ich nicht empfehlen,“ sagt Oliver Betz, „In den Samentüten findet man meist einjährige Sorten.“ Im ersten Jahr blüht es schön. Doch wenn die Arten vor der Samenreife abgemäht werden, kommen sie im nächsten Jahr nicht wieder nach. Vermutlich ist das den meisten Hobbygärtnern nicht so klar. „Eine echte Wiese ist anders“ sagt der Evolutionsbiologe. „Da können einjährige Blühende mit dabei sein, aber das sind größtenteils dauerhafte Pflanzen.“

Zu den dauerhafte Arten gehört etwa der Rainfarn: Die sonnengelb blühende Pflanze, die gar kein Farn ist, sondern zu den Asternartigen gehört, beherbergt 24 Insektenarten. Und die brauchen den Rainfarn unbedingt. „Und von jeder Art spannt sich ein weiteres Netz aus, weil fast jedes Insekt einen ‚persönlichen‘ Parasiten hat. Das ist ein gewaltiges Netzwerk, das von jeder einzelnen Pflanzenart ausgeht. Wenn wir jetzt den Rainfarn einfach rausnehmen würden, dann würden auch diese 24 Insektenarten verschwinden.“

Laissez-faire macht Sinn

An diesem Nachmittag habe ich einiges gelernt: Eine Bunte Wiese ist pflegeleicht: Ein bis zwei Mal mähen im Jahr – das reicht. Gießen ist auch unnötig, denn eine echte Wiese bleibt dank ihrer dreidimensionalen Struktur immer feucht. Was rät der Biologe Betz den heimischen Gartenbesitzern außerdem noch? „Laissez-faire ist auf jeden Fall gut. Einfach mal beobachten, was da alles kreucht und fleucht. Lass wachsen – das wäre mein wichtigster Tipp.“  Die Bunte Wiese – das ist Gärtnern für Faule, während die Artenvielfalt wächst.

Habt ihr ein Gartenstück, eine Streuobstwiese oder arbeitet ihr in einem Gemeinschaftsgarten?
Hier gibt es weitere Pflegetipps von der Initiative „Bunte Wiese Tübingen“: für private und Gemeinschaftsgärten und für Kommunen, Städte und Firmen.

Kurz geschorenes Grün trocknet schnell aus. Die Lösung: mehr Wiese wagen. Foto: Nicola Wettmarshausen, CC BY-NC-ND

Headerfoto: Nicola Wettmarshausen, CC BY-NC-ND

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