Insekten im Klimawandel

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin

Im Frühjahr 2022 wurde ein neuer Teilbericht des Weltklimarats IPCC veröffentlicht, der die Folgen des Klimawandels für die großen Regionen der Welt (Afrika, Asien, Europa etc.) beschreibt. Ich habe dort nach Antworten auf die Frage gesucht, wie sich der Klimawandel auf die Insektenvielfalt auswirkt. Ist er der Grund für das Insektensterben in Europa – oder nur ein Faktor unter vielen anderen?

Das Besondere an diesem Bericht ist: Hier werden erstmals Handlungsmöglichkeiten für die jeweiligen Regionen aufgelistet und beschrieben, wie wir uns widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels machen können. Aber was bedeutet das konkret für Insekten, die in Wiesen und im Offenland leben? Einige Ergebnisse habe ich in diesem Blogbeitrag zusammengefasst.

Klimaerwärmung – wo stehen wir?

Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist es weltweit etwa um 1,1 Grad wärmer geworden (Stand 2021). Dieser globale Mittelwert ist bekannt. Einzelne Regionen unserer Erde können sich schneller oder langsamer erwärmen. Europa hat sich schneller erwärmt als jede andere Region auf der Erde. Der Grund dafür ist, dass sich die nördlichen Landflächen stärker erhitzen als sie südlichen. So ist die durchschnittliche Temperatur dort um etwa 0,9 Grad zusätzlich angestiegen im Vergleich zum globalen Temperaturanstieg im selben Zeitraum, sodass wir in Europa schon bei fast 2 Grad Erwärmung liegen. In Deutschland sind es 1,6 Grad.

Globaler Klimastreik 2021. Foto: Ivan Radic, CC-BY 2.0

Welche Klimarisiken gibt es in Europa?

Der Weltklimabericht nennt vier Schlüsselrisiken für Europa: Das erste Schlüsselrisiko ist die zunehmende Hitze, die nicht nur uns Menschen belastet (und Gesundheitsprobleme und erhöhte Sterberaten verursacht), sondern auch unsere Ökosysteme verändert. Das zweite Schlüsselrisiko ist der Hitze- und Trockenheitsstress, der die Land- und Waldwirtschaft beeinträchtigt. Eine wirksame Anpassungsmaßnahme kann die Bewässerung von Äckern und Feldern sein. Doch nur dann, wenn genug Wasser verfügbar ist: Schlüsselrisiko drei sagt nämlich eine Wasserknappheit in allen Bereichen voraus. Schlüsselrisiko vier bezieht sich vor allem auf Küstenregionen, hier geht es um Überschwemmungen und den steigenden Meeresspiegel.

Allgemein sind alle europäischen Regionen von mehreren Schlüsselrisiken betroffen, wobei die Folgen im Süden gravierender sein werden als im Norden. Für Südeuropa werden dabei überwiegend negative Auswirkungen vorausgesagt, von erhöhtem Wasserbedarf bis hin zu Wasserknappheit etwa, während wir für den Norden mit einigen kurzfristigen Vorteilen wie höheren Ernteerträgen und stärkerem Waldwachstum rechnen können. Langfristig schwinden diese Vorteile, wenn Risiken gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verstärken.

Wie wirken sie sich auf Insekten aus?

Nehmen wir das Schlüsselrisiko Hitze: Normalerweise profitieren Insekten von warmen Tagen, da höhere Temperaturen ihren Stoffwechsel und ihre Fortpflanzungsrate steigern. Allerdings haben sich manche Arten über einen langen Zeitraum – vermutlich über Jahrtausende – an bestimmte Umweltbedingungen angepasst. Sie sind daher nicht sehr Hitze- oder Trockenheitstolerant, wenn sich die Bedingungen zu schnell ändern.  

Beispielsweise haben Wissenschaftler 66 Hummelarten in Nordamerika und Europa verglichen und stellten fest: wenn extreme Temperaturen und starke Niederschläge im Sommer zunehmen, kann dies den Artenreichtum an Hummeln reduzieren, ihre Ansiedelung verhindern oder ihr Aussterberisiko erhöhen. Dabei wurden Arten wie die Feldhummel (Bombus ruderatus) oder die Bärtige Kuckuckshummel (Bombus barbutellus) untersucht.

Manche mögen´s kühl

Eine Langzeituntersuchung mit waldbodenbewohnenden Käfern ergab, dass sowohl ihre Anzahl abnimmt als auch ihre Artenvielfalt um fast 40 Prozent zurückgegangen ist. Grund dafür sind die wärmeren Winter. Insbesondere weniger Schneefall scheint dabei von entscheidender Bedeutung zu sein. Eine weitere Klimaerwärmung kann diesen Trend verstärken, was sich auf die Zersetzung von organischem Material im Boden und damit auf seine Kohlenstoffspeicherfähigkeit auswirkt.  

Außerdem verlagert sich der Lebensraum für Insekten. Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Phengaris nausithous), ein Tagfalter, liebt Feuchtweisen und kühlere Gebiete im Alpenvorland. Er wird in höhere Lagen und in nördlichere Gebiete abwandern, wenn es immer wärmer wird. Wärmeliebende Arten werden sich ausbreiten und zusätzlich neue Lebensräume erobern, wie es für den Großen Feuerfalter (Lycaena dispar) oder die asiatische Tigermücke (Stegomyia albopicta) beobachtet wird. Solche Arten sind Gewinner des Klimawandels. Für einzelne Gebiete könnte die biologische Vielfalt damit insgesamt stabil bleiben, wenn einheimische Arten verschwinden, aber neue Arten einwandern werden.

Wenn der Frühling zu früh startet

Auch zeitlich wird sich durch den Klimawandel einiges ändern: Wenn Pflanzen früher blühen (was der Deutsche Wetterdienst seit vielen Jahren dokumentiert, siehe Grafik), kann es sein, dass sich die bestäubenden Insekten noch gar nicht entwickelt haben. So wird die Pflanze nicht bestäubt, was in der Landwirtschaft zu erheblichen Ernteausfällen führt. Denn mehr als ein Drittel unserer Kulturpflanzen und zwei Drittel der Wildpflanzen werden von Insekten bestäubt (mehr dazu: siehe hier).

Auch umgekehrt wird es schwierig: Entwickeln sich Insekten früher als ihre Futterpflanze blüht, finden sie zu wenig oder keine Nahrung und verhungern. Wenn sich die über Jahrtausende aufeinander eingespielten Rhythmen zwischen Bestäuber und Pflanze voneinander entkoppeln, wird es negative Auswirkungen nicht nur auf die Insektenvielfalt geben. Denn wenn beispielsweise eine Schmetterlingsart aufgrund von Nahrungsmangel lokal ausstirbt, begünstigt das die Ausbreitung windbestäubter Pflanzen an diesem Standort. So können fehlende Bestäuber zur Verarmung der Pflanzenvielfalt beitragen.(Siehe S. 291/2 und Tab. 3)

Ist der Klimawandel am Insektensterben schuld?

Zum Insektensterben gibt es viele Einzelstudien, die sich auf bestimmte Gebiete oder auf einzelne Insektengruppen beziehen. Einen allumfassenden Trend abzuleiten ist daher schwer. Dennoch sind sich Wissenschaftler weitgehend einig, dass der Insektenschwund in Europa in den letzten 50 Jahren in erster Linie durch die Veränderung der Landnutzung verursacht wird. Sie reduziert die Lebensräume der landlebenden Insekten momentan in höherem Maße als der Klimawandel oder die Umweltverschmutzung.

Was ist eine „Veränderung der Landnutzung“?

Lange Zeit war Europa größtenteils mit Wald bedeckt. Doch schon in der Jungsteinzeit vor etwa 10.000 Jahren begannen die Menschen, Acker- und Weideland zu gewinnen. Sie holzten Wälder ab und legten Sümpfe trocken. Über Jahrhunderte wurden Äcker mit dem Pflug und mit Zugtieren bearbeitet. Gedüngt wurde nur mit Gülle oder Mist. Diese Art der extensiven Landwirtschaft war arbeitsintensiv und anstrengend, aber sie ließ blütenreiche Ackerwildkräuter wachsen: Wilde Tulpen, Adonisröschen oder Rittersporn boten vielfältige Nahrung für Insekten.

Klatschmohn und Kornblume als unerwünschte Beikräuter auf dem Acker – oder als wertvolle Insektennahrung? Foto: Dellex, CC-BY_SA 3.0

Landwirtschaft wird intensiv

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich dies: mit Mineraldünger ließen sich die Erträge steigern und größere Traktoren halfen, den Boden schneller und effektiver zu bearbeiten. Noch besser ging es mit Herbiziden, die die Unkräuter dezimierten und den Bauern das Jäten ersparten. Mit Pestiziden wiederum konnten die tierischen Schädlinge in Schach gehalten werden. Die entstehende intensive Form der Landwirtschaft –  ausgerichtet auf maximalen Ertrag – bot und bietet Insekten wenig Lebensraum, weil es für sie auf den Äckern keine Nahrung mehr gibt. Fast 90 Prozent der Ackerflächen in Deutschland werden heutzutage immer noch auf diese konventionelle und intensive Weise bewirtschaftet. Ob Maßnahmen wie die Einrichtung von Blühstreifen das Ruder herumreißen und die Artenvielfalt wieder erhöhen können, ist ungewiss und zweifelhaft.

Auch Grünland wird stark gedüngt. Zum einen, um möglichst viel Grünfutter zu gewinnen und zum anderen, um die anfallende Gülle aus der intensiven Rinder- und Schweinemast zu entsorgen. Die erhöhten Nitratkonzentrationen finden sich nicht nur im Boden, sondern auch in Bächen, Flüssen und Seen wieder und beeinträchtigen im Wasser lebende Insekten.

Weniger Lebensräume durch Versiegelung

Mit veränderter Landnutzung ist auch die zunehmende Flächenversiegelung gemeint, durch den Bau von Städten und Siedlungen, von Industriegebieten und Straßen. Der Anteil an versiegelter Fläche hat sich in den letzten 100 Jahren für Deutschland verdreifacht. Durch die Versiegelung gehen Ackerboden, Grünland und Wald verloren. Zusammenhängende Lebensräume werden durch Straßen zerschnitten und fragmentiert. Auch diese Faktoren tragen zu einem deutlichen Rückgang der Insektenvielfalt bei.

Leere, versiegelte Flächen: Parkplatz vor einer französischen Shopping-Mall an einem Sonntagmorgen. Foto: Ben Lieu Song, CC-BY_SA 2.0

Was brauchen Insekten?

Insekten, die im Offenland mit dem Klimawandel leben müssen, brauchen eine nachhaltige Landwirtschaft ohne Pestizide und Herbizide. Großflächige Monokulturen mit Raps, Mais oder Getreide bieten Insekten keine Nahrung, sie benötigen Feldfrüchte mit einer langen Blühperiode und verschiedenen Wildkräutern auf oder neben den Äckern. Und sie brauchen naturnahes Grünland. Außerdem müssen Insekten die Möglichkeit bekommen, entsprechend ihrer klimatischen Vorlieben in kühlere Areale ausweichen zu können. Ihre Biotope müssen besser miteinander vernetzt werden, damit dies gelingt.

Landschaftsmosaik

Insekten brauchen wieder mehr natürlichen Lebensraum: Manche Arten fühlen sich in Feuchtgebieten und Mooren wohl, andere bevorzugen trockene Heidelandschaften und Magerrasen. Ein Mosaik aus ganz unterschiedlichen Landschaftstypen ist für Insekten ideal. Der IPCC empfiehlt deshalb als Arten- und Klimaschutzmaßnahme, 30 bis 50 Prozent aller Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Dabei geht es nicht nur um unberührbare Wildnis, sondern auch um schutzwürdige Kulturlandschaften. Derzeit sind durchschnittlich nur 18 Prozent der Landflächen in Europa als Natura-2000-Schutzgebiete ausgewiesen. Es gibt also noch viel Luft nach oben.

Das Birkach-Hochmoor im Allgäu ist ein uralter Lebensraum – es existiert schon seit Jahrtausenden. Allein sechzehn verschiedene Libellenarten wurden hier gezählt. Damit diese Arten bleiben und die Flächen nicht zuwachsen, wird das Hochmoor und die angrenzenden Feuchtwiesen im Herbst durch Rinder beweidet. Foto: Nicola Wettmarshausen, CC-BY-ND-NC 4.0

Artenreiches Grünland

Insektenfördernde Maßnahmen müssen werder durch Hightech umgesetzt noch kostspielig sein. Ein Beispiel aus den Karpaten zeigt, wie aus Grünland allein durch eine andere Art der Bewirtschaftung ein äußerst artenreiches, naturnahes Ökosystem entstehen kann: Vor etwa 250 Jahren begannen ungarische Bauern, Teile des sie umgebenden Waldgebiets zu roden, um Grasland zu gewinnen und dort Heu für ihre Rinder zu ernten. Sie mähten immer nur kleine Flächen ihrer Wiesen, sodass ein Mosaik aus gemähten und ungemähten Flächen entstand. Die trockenen Samen der Gräser und Kräuter streuten sie anschließend wieder auf die Wiesen aus. Dabei düngten sie nur mit Mist – und das nur mäßig. Ihr Ziel war es nicht, ökologisch wertvolle Flächen zu schaffen; sie wollten einfach nur gutes Heu gewinnen. Doch durch ihr tiefes Verständnis der ökologischen Prozesse und ihre daraus abgeleitete Wirtschaftsweise entstanden artenreiche Bergheuwiesen mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot für Insekten.

Wie bringen wir Arten- und Klimaschutz zusammen?

Viele der Handlungsmöglichkeiten, die unsere Landschaften insektenreicher machen, sind bereits bekannt. Sie werden in Pilotprojekten erprobt oder im kleinen Maßstab umgesetzt. Aber das reicht längst nicht aus – das Insektensterben geht weiter. Wie gehen wir jetzt am besten vor? Wie bringen wir Arten- und Klimaschutz unter einen Hut?

„Beide sollten aufeinander abgestimmt vorangetrieben werden“ sagt Hans-Otto Pörtner, der als Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II am aktuellen und an vielen vorigen IPCC-Berichten mitgewirkt hat (16). „Wenn wir uns nur auf Klimaschutzmaßnahmen konzentrieren und Aspekte der Artenvielfalt auslassen, dann bekommen wir negative Auswirkungen auf der Artenvielfaltsseite. Wenn wir aber umgekehrt die Biodiversität in den Vordergrund stellen, haben wir sehr viele positive „Nebenwirkungen“ für das Klima.“

Natur- und Artenschutz erleichtern uns die Anpassung an den Klimawandel. Maßnahmen, die den Rückgang der Artenvielfalt verlangsamen oder umkehren, dienen auch dem Klimaschutz. Wie in den Karpaten. Dort wirkt sich das mosaikhafte Mähen der Bergwiesen auch aufs Klima aus: Weil die gemähten Flächen immer nur klein sind, bleibt der Boden insgesamt feuchter, was gut für´s Mikroklima ist.

Das Diagramm zeigt (oben), wie sich die Maßnahmen zur Minderung der Klimawandelfolgen auf die Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt auswirken und zeigt unten den umgekehrten Fall. Blaue Linien stehen für positive Auswirkungen, während orangefarbene Linien auf negative Auswirkungen verweisen. Viele der genannten Lösungen befinden sich noch in der Ideenphase oder wurden noch nicht in größerem Umfang umgesetzt. Quelle: Report: Scientific Outcome of the IPBES-IPCC co-sponsored workshop on biodiversity and climate change, S.130

Oder wie bei klimafreundlichen Solarparks: Wenn blütenreiche Magerwiesen oder Feuchtgebiete von vorn herein in der Flächenplanung mitgedacht werden, können Solarparks ihren Klimaeffekt ausspielen und gleichzeitig zur biologischen Vielfalt von Insekten und Pflanzen beitragen.

Wer die vielen Zusammenhänge zwischen Klima, Natur und den Lebensgrundlagen der Menschen ignoriert, wird insgesamt keine Erfolge haben. Wird nur der Klimaaspekt in den Blick genommen – wie bei der Gewinnung von Bioenergie durch die Anpflanzung von Maismonokulturen etwa – ist  die Artenvielfalt und Ernährungssicherheit gleichermaßen bedroht. Dabei ist die Effizienz dieser „Klimaschutzmaßnahme“ sehr gering.

Der Agrarökologe und Co-Vorsitzende des Weltbiodiversitätsberichtes Josef Settele ist deshalb überzeugt: Erfolge werden sich erst einstellen, wenn wir anfangen, Emissionen aus fossilen Brennstoffen massiv zu reduzieren. Und gleichzeitig die Biodiversität durch die Wiederherstellung gesunder Naturräume stärken. Und – als gesellschaftliche Komponente – die Armut wirksam bekämpfen sowie gegen Ungerechtigkeit und fehlende Gleichbehandlung vorgehen.“ Dies ist nicht nur ein Appell an die Regierenden, sondern an uns alle. „Jedes bisschen Erwärmung zählt, jede verlorene Art zählt und jeder Lebensraum, der Schaden nimmt.“


Welche insektenfreundlichen Maßnahmen hast Du erprobt? Teile Deine Erfahrungen mit uns im Forum, auf Twitter oder Instagram!


Headergrafik: Showyourstripes.info, Ed Hawkins, CC-BY 4.0

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Menü