Nützliche Parasiten

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Nicht alle Insekten sind so knuddelig wie die pelzigen Hummeln. Es gibt auch die Blutsaugerinnen unter ihnen. Kriebelmücken etwa, von denen in Deutschland über 50 Arten leben. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Parasitologe Alfons Renz mit diesen Insekten. Er zeigt uns, wie Kriebelmücken überwintern und warum sie wichtige Spieler im Ökosystem sind.

Ein Bach wie die Ammer ist ideal: Schnellfließend muss er sein und das Wasser möglichst klar. Ein mit Gräsern bewachsenes Ufer, deren Blätter in den Bach hineinhängen – wenn diese Bedingungen gegeben sind, ist der Bach ein Paradies für die Larven der Kriebelmücken.

Nach der Paarung heften die Weibchen ihre Eier an die Gräser. Dort schlüpfen die Larven, die wir jetzt im Winter finden können. Und weil die Ammer gute Brutbedingungen bietet, baut Alfons Renz zusammen mit einer kleinen Gruppe von Studierenden der Uni Tübingen ein Tischchen direkt am der Ufer auf, um die Larven vor Ort genauer zu untersuchen.

Unter dem Mikroskop

Am Ufer werden wir fündig: Winzige braune „Würmchen“ haften an der Unterseite der Gräser und ringeln sich hin und her. Vorsichtig zupfen wir einzelne Blätter ab und legen sie auf unser Tischchen, das mit Lupen, Mikroskopen und Vergleichsproben bestückt ist.

Unter dem Mikroskop können wir die zwei Fangfächer der Larve erkennen, die sie in die Wasserströmung hält. Sobald sich winzige Algen und Mikroorganismen darin verfangen, bürstet sie ihren Fächer aus und stopft sich die Leckereien in den „Schlund“. Mit einem Tropfen Speichelsekret hat sie sich mit ihrem Hinterende an das Blatt geheftet. So bleibt sie beweglich und kann das Wasser besser filtern.

„Als Larve können wir die einzelnen Arten kaum voneinander unterscheiden. Erst wenn diese sich gehäutet hat – das macht sie in diesem Entwicklungsstadium bis zu achtmal – wird sie sich verpuppen. Und bei den Puppen können wir dann die Atemfäden zählen, um die Art zu bestimmen,“ sagt Alfons Renz. Mithilfe der Atemfäden versorgt sich die Kriebelmücke im Bach mit Sauerstoff. So kommt sie durch den frostigen Winter.

Bei der Beobachtung von Kriebelmückenlarven hilft eine Lupe. Foto: Nicola Wettmarshausen, CC BY-ND-NC 3.0

Kriebelmücken fliegen auch auf Menschen

Nicht nur die Larve, auch die ausgewachsenen Mücken kann man anhand morphologischer Kriterien nur annähernd bestimmen.Darum hatte der Student Leif Rauhöft die Artenbestimmung in seiner Masterarbeit über eine DNA-Analyse gemacht und entdeckt, dass die Gezierte Kriebelmücke (Simulium ornatum) an der Ammer am häufigsten zu finden ist. Sie scheint aus einem Komplex verschiedener, nahe verwandter Arten zu bestehen und fliegt sowohl Säugetiere als auch den Menschen an, während die „Stiertöterin(Simulium erythrocephalum) eher in der Nähe von Schafen, Wildtieren und Rindern vorkommt. Eusimulium latipes wiederum bevorzugt Vögel, also auch Hühner. Alle diese Tiere finden wir im weiteren Umkreis der Ammer und ihrer Zuflüsse.  

„Kriebelmücken ernähren sich eigentlich von Nektar. Nur die Weibchen saugen zusätzlich Blut. Sie brauchen es, um ihre Eier zu entwickeln“, erzählt Alfons Renz. „Auf ihren Wirt müssen sie allerdings genetisch vorprogrammiert sein. Sie schlüpfen aus dem Wasser und haben ein festgelegtes Schema, mit dem sie ihren Blutwirt suchen.“

Kriebelmücken mögen Kohlendioxid

Orientieren sich die Mücken dabei am Geruch oder eher an der Optik? „Es gibt Hinweise, dass die Zahl der Beine und die Form des Körpers eine Rolle spielen“, sagt Alfons Renz. „Schon vor über 50 Jahren hat mein Kollege Peter Wenk ein künstliches Pferd mit warmen Wasserflaschen im Bauch hin und her bewegt, um das Aussehen und die Bewegung eines Pferdes zu simulieren. Und er hat eine Krähe konstruiert, die mit den Flügeln schlagen konnte. Später haben wir in unserer Forschungsgruppe mit einem bunten Regenschirm gearbeitet. Doch der hat als Lockmittel nur funktioniert, wenn wir gleichzeitig Kohlendioxid verströmt haben. Heute kann ich sagen: Was genau die Mücken anlockt, wissen wir immer noch nicht. Wir brauchen mehr Feldforschung. Nur eines ist sicher: Kriebelmücken stehen auf Kohlendioxid und optische Reize.“

Ein Mitarbeiter des Kriebelmücken-Monitorings in Kamerun betreut die Mücken-Lockfalle, die aus erwärmten Gummistiefeln, einem beweglichen bunten Schirm (optischer Reiz) und Kohlendioxid (olfaktorischer Reiz) besteht. Foto: Alfons Renz

Erblinden am Fluss – Onchozerkose

In Afrika sind Kriebelmücken-Bisse nicht nur schmerzhaft. Manche Arten können Parasiten übertragen: die Larve eines Fadenwurms etwa, die beim Menschen die sogenannte Flussblindheit verursacht (Onchozerkose). Diese Krankheit kommt nur in Flussnähe vor – dort, wo die Mücke lebt. Und trotzdem sind Millionen von Menschen weltweit betroffen.

Um den Fadenwurm mit der Mücke auszurotten, hatte die WHO in einem Bekämpfungsprogramm ab Mitte der 1970ger Jahre Flüsse und Bäche in afrikanischen und südamerikanischen Ländern regelmäßig mit Insektiziden behandelt, um die Mückenlarven schon im Wasser abzutöten.

Monitoring mit Mückenfänger

Den Erfolg dieses Bekämpfungsprogramm sollte Alfons Renz In Westafrika analysieren und messen. „Dazu entwickelten wir ein spezielles Monitoring: Ein sogenannter Flyboy sitzt am Flussufer und fängt an seinen nackten Beinen alle Mücken ab, die ihn im Laufe eines Tages anfliegen – natürlich, bevor sie anfangen zu saugen. Dadurch bekommen wir eine tägliche Anflugdichte. Wir haben dann ausgerechnet, wie viele Mücken wir während eines Jahres fangen und wie viele Parasitenlarven sich darin noch befinden dürfen, damit die Bekämpfungsaktion noch als erfolgreich gelten kann. Damals haben hunderte afrikanischer Mückenfänger dieses Monitoring mitgemacht, und die berechneten Grenzwerte sind bis heute gültig.“

Mit ihrem Ansatz war die WHO war nur teilweise erfolgreich – Onchozerkose gibt es heutzutage immer noch. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen sind in den Tropengebieten Amerikas und Afrikas derzeit infiziert. Heute versucht man nicht mehr großflächig Insektizide einzusetzen, sondern setzt auf Medikamente (Ivermektin), welche die Wurmlarven (Mikrofilarien) in der Haut des Menschen abtöten.

Stocherkahnfahren mit Biss

Doch auch ohne Krankheiten zu übertragen können die Bisse der Mückenweibchen schmerzhaft sein und sich leicht entzünden. Alfons Renz erinnert sich an einen Fall direkt in Tübingen: Nach dem allseits sehr beliebten Stocherkahnfahren auf dem Neckar tauchten Ausflügler in den Praxen der umliegenden Hautärzte auf und klagten über schmerzende Schwellungen und entzündete Stiche. Ein Biologe aus dem Tropenmedizinischen Institut der Uni machte sich auf die Suche und entdeckte an einem kleinen Mühlkanal ein Wehr.

„Das Wehr war löchrig“, erzählt Alfons Renz. „An seiner Spundwand saßen die Larven zu Tausenden. Das war Simulium argyreatum – eine Art, die man bislang nur aus dem nahe gelegenen Schönbuch kannte. Und auf einmal war sie mitten in Tübingen.“ Die Art hat eine eigenartige Brutgewohnheit: die Weibchen legen ihre Eier nur dort ab, wo das Wasser aus einem stehenden Gewässerabschnitt in einen Sturzbach übergeht. Seitdem das Wehr repariert wurde, sind schmerzhafte Bisse seltener geworden.

Nützliche Parasiten

Doch auch wenn die Mücken für uns unangenehm oder gar gefährlich sind – für Fische oder Vögel sind sie wertvolle Nahrung. Und sie sind ein Indikator: Sie lieben saubere, klare Gewässer und sind heikel, wenn es um hohe Nitrat- und Phosphatgehalte geht. Sobald Bäche verschmutzt werden, verschwinden Kriebelmücken. Daher sollten wir uns freuen, wenn wir unter den Blättern oder auf Steinen im Bach junge Larven und im Sommer Puppen entdecken. Denn wir haben die Möglichkeit, uns vor den Bissen der Mücke zu schützen – durch die richtige Kleidung etwa.

Der Biologe Alfons Renz jedenfalls hält Kriebelmücken und Parasiten allgemein für wichtige Spieler im Ökosystem: „Allein die Tatsache, dass man sie überall findet, dass es praktisch kein Leben ohne Parasiten gibt, zeigt doch, dass sie sehr erfolgreich sind. Und die Biozönose – die Gemeinschaft der Lebewesen in einem Biotop – braucht Parasiten, um sich zu stabilisieren und sich weiterzuentwickeln. Insofern sind Parasiten eine der treibenden Kräfte für die Evolution.“

Parasiten gibt es überall – wie können wir mit ihnen zusammenleben?
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Kriebelmückenlarven in einem amerikanischen Bach. Foto: Public Domain

Headerfoto: Kriebelmücken sind eine erfolgreiche Insektenfamilie – seit Millionen von Jahren. Foto: Alfons Renz

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